Am 8. und 9. Mai 2025 veranstaltete Der Divan – Das Arabische Kulturhaus in Berlin das Divan Forum für Arabische Philosophie der Gegenwart. Unter dem Titel „Die moderne arabische Philosophie zwischen dem Erbe der Vergangenheit und den Herausforderungen der Gegenwart“ versammelte das Forum renommierte Wissenschaftler und Philosophen aus Deutschland, der arabischen Welt und darüber hinaus, um die Entwicklung, die zentralen Fragen und die gegenwärtigen Herausforderungen arabisch-philosophischen Denkens zu diskutieren.
Im Zentrum stand dabei nicht allein die Frage, wie das philosophische Erbe der arabisch-islamischen Tradition heute gelesen und neu interpretiert werden kann. Ebenso grundlegend war die Frage, wie sich die zeitgenössische arabische Philosophie zu den Erfahrungen der Moderne, zum Kolonialismus, zur politischen und gesellschaftlichen Realität der arabischen Welt und zu den westlichen philosophischen Traditionen verhält.
Das Forum knüpfte damit an eine zentrale Spannung an, die das zeitgenössische arabische Denken seit dem 20. Jahrhundert begleitet: die Auseinandersetzung mit dem eigenen philosophischen Erbe einerseits und die Begegnung mit den intellektuellen Strömungen der westlichen Moderne andererseits. Existentialismus, Marxismus, Personalismus, Phänomenologie, Strukturalismus und Dekonstruktivismus haben die arabische Philosophie nachhaltig beeinflusst. Zugleich stellte das Forum die Frage, ob die Rezeption dieser Traditionen zu einer produktiven philosophischen Auseinandersetzung geführt hat oder ob sie mitunter in bloße Übernahme, Entfremdung oder ideologische Vereinnahmung übergegangen ist.
Bereits die Konzeption des Forums war von einem bewusst kritischen Anspruch geprägt. Es ging darum, die zeitgenössische arabische Philosophie weder auf eine bloße Fortsetzung vergangener Traditionen zu reduzieren noch sie ausschließlich als Reaktion auf westliche Philosophie zu verstehen. Vielmehr sollte nach den Bedingungen eines eigenständigen philosophischen Denkens gefragt werden, das seine eigenen Voraussetzungen reflektiert, ideologische Rahmungen kritisch prüft und sich den konkreten Fragen der arabischen Gegenwart stellt.
Den Auftakt bildete am Abend des 8. Mai ein persönliches Networking Dinner im Der Divan. Das wissenschaftliche Programm folgte am 9. Mai mit der Eröffnungssitzung, die von Herrn Ali Khalid Al-Boainain, stellvertretender Botschafter des Staates Katar, in Vertretung von S.E. Abdalla Al Hamar, Botschafter des Staates Katar und Beiratsvorsitzender des Der Divan, eröffnet wurde.
Im Anschluss gab Prof. Dr. Ulrich Rudolph von der Universität Zürich mit seinem Beitrag „Perspektiven auf die arabisch-islamische Philosophie – gestern, heute, morgen“ einen historischen und zugleich zukunftsorientierten Überblick über zentrale Entwicklungslinien des arabisch-islamischen philosophischen Denkens.
Die anschließende Diskussion „Arabische Philosophie der Gegenwart: Fragen und Probleme“ widmete sich konkreten politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Dr. Haider Saeed vom Arab Center for Research and Policy Studies in Doha untersuchte anhand des Denkens von Mohammed Abed Al-Jabri die Auseinandersetzung zeitgenössischer arabischer Philosophen mit der Frage des Staates. Dr. Nils Riecken von der Ruhr-Universität Bochum thematisierte Larouis Verständnis von Kritik, während Dr. Mohammed Hashas von der Luiss Universität in Rom sich mit dem politischen Wandel in der zeitgenössischen arabischen Philosophie anhand von Projekten aus Rabat auseinandersetzte.
Ein weiterer großer Schwerpunkt des Forums galt dem Verhältnis zwischen zeitgenössischer arabischer und westlicher Philosophie. Unter der bewusst zugespitzten Leitfrage „Dialog oder Imitation?“ wurde untersucht, wie dieses Verhältnis heute zu bestimmen ist. Dabei ging es nicht um eine einfache Gegenüberstellung von „arabischem“ und „westlichem“ Denken, sondern um die komplexen Prozesse von Rezeption, Übersetzung, Kritik und produktiver Aneignung, die das moderne arabische philosophische Denken geprägt haben.
Prof. Dr. Kata Moser von der Universität Göttingen behandelte das Thema Säkularismus in der arabischen Philosophie, während Jun.-Prof. Dr. Feriel Bouhafa von der Universität Würzburg mit ihrem Beitrag „Ibn Rushd against Kalam: New Perspectives on the Relationship between Philosophy and Religion“ eine historische und zugleich systematische Perspektive auf das Verhältnis von Philosophie und Religion eröffnete.
Damit verband das Forum unterschiedliche Ebenen philosophischer Reflexion: die Geschichte und Rezeption des eigenen Erbes, die politischen Fragen des modernen arabischen Denkens, das Verhältnis von Religion und Philosophie, die Säkularismusdebatte sowie die Begegnung mit westlichen philosophischen Traditionen. Gerade in dieser Verbindung wurde deutlich, dass die Frage nach der Zukunft der arabischen Philosophie nicht losgelöst von den historischen Erfahrungen der Moderne, des Kolonialismus und der politischen Transformationen der arabischen Welt betrachtet werden kann.
Die Abschlussrunde mit Dr. Sarhan Dhouib von der Universität Hildesheim, Dr. Nils Riecken und Dr. Mohammed Hashas führte diese unterschiedlichen Perspektiven noch einmal zusammen. Sie unterstrich den Anspruch des Forums, die zeitgenössische arabische Philosophie nicht als abgeschlossenes Kapitel der Ideengeschichte zu betrachten, sondern als ein gegenwärtiges und offenes Feld philosophischer Auseinandersetzung.
Das Forum machte zugleich sichtbar, dass die zentrale Frage nicht allein darin besteht, ob die arabische Philosophie mit westlichen philosophischen Traditionen in Beziehung steht, sondern wie diese Beziehung gestaltet wird. Zwischen unkritischer Übernahme und einer idealisierenden Rückwendung zum eigenen Erbe eröffnet sich ein dritter Weg: eine selbstbewusste, offene und kritische Auseinandersetzung, die weder in Verwestlichung noch in Abschottung aufgeht.
Gerade darin lag die besondere Bedeutung des Forums. Es ging um die Möglichkeit philosophischen Denkens, das seine eigenen historischen und epistemologischen Voraussetzungen kennt, Ideologie und philosophische Analyse voneinander unterscheidet und zugleich den Mut besitzt, sich den Herausforderungen der Gegenwart unmittelbar zu stellen. Das bereits in der Konzeption des Forums formulierte Anliegen eines rationalen und kritischen Diskurses erhielt so eine konkrete wissenschaftliche Form.
Mit dem Divan Forum für Arabische Philosophie der Gegenwart setzte Der Divan – Das Arabische Kulturhaus in Berlin einen weiteren Akzent für einen wissenschaftlichen und interkulturellen Austausch, in dem arabische philosophische Traditionen nicht lediglich Gegenstand der Betrachtung sind, sondern selbst als aktive Stimmen des gegenwärtigen philosophischen Diskurses zur Sprache kommen.
Das Forum verstand Philosophie dabei nicht als Rückkehr in die Vergangenheit, sondern als eine Form kritischer Gegenwartsreflexion: als die Fähigkeit, das eigene Erbe neu zu lesen, fremde Denktraditionen kritisch zu prüfen und aus der Spannung zwischen beiden neue Fragen und Perspektiven zu entwickeln. In diesem Sinne wurde Berlin für zwei Tage zu einem Ort, an dem unterschiedliche philosophische Traditionen nicht nur aufeinandertrafen, sondern miteinander ins Gespräch gebracht wurden.







































































