Am 2. und 3. Juni 2025 veranstaltete Der Divan – Das Arabische Kulturhaus in Berlin in Kooperation mit der Universität Kuwait, Fachbereich für philosophische Studien, das Divan Forum für Arabische Philosophie zum Thema „Die arabisch-islamische Philosophie: Erbe der Vergangenheit und Herausforderungen der Gegenwart“.
Das zweitägige Forum widmete sich einem Erbe, das einen eigenständigen und prägenden Bestandteil der globalen Geistesgeschichte bildet. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die nostalgische Rückkehr zu einer vergangenen Epoche, sondern eine grundlegendere Frage: Warum und auf welche Weise sollten wir uns heute mit der arabisch-islamischen Philosophie beschäftigen?
Die Konzeption des Forums ging von der Einsicht aus, dass die arabisch-islamische Philosophie nicht lediglich als Vermittlerin zwischen griechischer und westlicher Philosophie verstanden werden kann. Denker wie al-Kindi, al-Farabi, al-Ghazali, Ibn Sina, Ibn Rushd, Ibn Tufail, Ibn Bajja und Ibn Khaldun entwickelten eigenständige philosophische Fragestellungen und Konzepte und leisteten damit einen wesentlichen Beitrag zur Wissensgeschichte. Zugleich entstand diese Philosophie selbst in einem intensiven Austausch mit unterschiedlichen intellektuellen Traditionen, insbesondere der griechischen, persischen und indischen Welt.
Gerade diese historische Offenheit macht ihre erneute Lektüre für die Gegenwart relevant. Viele der Fragen, mit denen sich arabisch-islamische Philosophen auseinandersetzten – das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung, Philosophie und Religion, Herrschaft und Legitimität, Freiheit, Gerechtigkeit, Moral oder die Begegnung mit dem Anderen – sind keineswegs auf ihre Entstehungszeit beschränkt. Sie berühren weiterhin grundlegende Fragen gesellschaftlichen und politischen Denkens in der arabisch-islamischen Welt.
Eröffnet wurde das Forum am 3. Juni durch S.E. Abdalla Al Hamar, Botschafter des Staates Katar und Beiratsvorsitzender des Der Divan. Im Anschluss hielt Prof. Dr. Mohammad Turki von der Universität Münster die Keynote „Zu einer philosophischen Interkulturalität in der arabisch-islamischen Welt“. Damit war bereits zu Beginn ein zentraler Gedanke des Forums formuliert: Philosophische Traditionen entstehen nicht im intellektuellen Vakuum, sondern entwickeln sich in Begegnung, Auseinandersetzung und gegenseitiger Übersetzung.
Die erste wissenschaftliche Sitzung stellte die grundlegende Frage „Warum lesen wir heute arabisch-islamische Philosophie?“. Prof. Dr. Jameleddine Ben Abdeljelil von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg widmete sich der Problematik von Verbindung und Bruch im arabisch-islamischen Denken und dem Verhältnis zwischen Vorgängern und Nachfolgern. Dr. Othman Alsaffi von der Universität Kuwait nahm das Konzept des „lebendigen Erbes“ aus der Perspektive des Philosophen Fahmi Jadaan in den Blick. Dr. Chaouki Zine von der Universität Tlemcen untersuchte die Gründungsmythen der vermeintlichen Abhängigkeit arabischer Philosophie von der westlichen Philosophie, während Stefan Weidner sich mit dem Verhältnis von Mystik und Existenzialismus sowie arabischen Stimmen zur Erfahrung der Fremdheit in der Welt auseinandersetzte.
Damit wurde ein entscheidender Akzent des Forums gesetzt: Die Auseinandersetzung mit dem philosophischen Erbe sollte weder in einer unkritischen Reproduktion der Tradition noch in einer nostalgischen Verklärung bestehen. Vielmehr sollte das Erbe aus der Perspektive der Gegenwart gelesen und nach seiner heutigen Bedeutung befragt werden. Das Programm formulierte dies ausdrücklich als einen erkenntnistheoretischen Anspruch: Das geistige Erbe soll nicht lediglich bewahrt, sondern reflektiert und in seiner möglichen Bedeutung für die Gegenwart neu erschlossen werden.
Der zweite große Themenblock widmete sich dem arabisch-islamischen philosophischen Erbe und den Fragen der Gegenwart. Prof. Dr. Zouaoui Beghoura von der Universität Kuwait sprach über den Koran im zeitgenössischen arabischen philosophischen Diskurs und die Aktualität einer alten und zugleich immer wieder neu formulierten Problematik. Dr. Mesfer Alhayyani, ebenfalls von der Universität Kuwait, untersuchte die Möglichkeit, aus der islamischen Philosophie Antworten auf gegenwärtige Herausforderungen zu gewinnen, und stellte dabei al-Ghazalis Tradition und das Konzept des Ijtihad der Herausforderung von Fake News gegenüber. Dr. Nabil Faziou von der Universität Hassan II in Casablanca widmete sich der zeitgenössischen arabischen Philosophie und der Frage nach der politischen Tradition des Islam. Dr. Mutaz Alkhatib von der Hamad Bin Khalifa University untersuchte schließlich das Gewissen in der islamischen Tradition und seine Rolle bei der moralischen Orientierung.
In dieser Verbindung von Philosophiegeschichte und Gegenwartsfragen wurde sichtbar, dass das philosophische Erbe nicht als abgeschlossenes Archiv verstanden werden muss. Seine Bedeutung kann gerade dort neu hervortreten, wo gegenwärtige Gesellschaften mit Fragen konfrontiert sind, die bereits frühere Generationen in anderer historischer Form beschäftigt haben: die Verantwortung des Individuums, die moralische Urteilsfähigkeit, die politische Ordnung, das Verhältnis von Text und Interpretation oder die Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis.
Die dritte Sitzung richtete den Blick schließlich auf „Arabisch-islamische Philosophie und die Frage nach dem Anderen“. Dr. Rachid Boutayeb vom Doha Institute for Graduate Studies sprach über das Prinzip der Dankbarkeit als eine Ethik der Interkulturalität aus islamischer Perspektive. Prof. Dr. Markus Kneer von der Universität Münster unternahm eine philosophische Reise zu Ibn Rushd und Ibn Khaldun und betrachtete die kreative Auseinandersetzung Mohammed Aziz Lahbabis mit dem arabisch-islamischen Denken. Dr. Raed Al Samhoury vom Arab Center for Research and Policy Studies widmete sich Ibn Taymiyyah und der Frage nach dem Anderen, während Dr. Abdulaziz Alawadhi von der Universität Kuwait das Verhältnis von Genealogie und arabischer Philosophie mit Blick auf die Transformation des muslimischen Selbst untersuchte.
Damit weitete sich der Blick des Forums von der Frage nach dem eigenen philosophischen Erbe auf die Frage nach der Begegnung mit dem Anderen. Interkulturalität erschien dabei nicht als bloße Nebeneinanderstellung verschiedener Traditionen, sondern als philosophische Herausforderung: Wie kann eine Tradition sich selbst verstehen, ohne sich gegenüber anderen Traditionen abzuschließen? Und wie kann sie sich auf das Andere einlassen, ohne dabei ihre eigene historische und intellektuelle Eigenständigkeit aufzugeben?
Die wissenschaftlichen Beiträge machten zugleich deutlich, dass die Geschichte der arabisch-islamischen Philosophie selbst eine Geschichte des Dialogs ist. Sie entstand in Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wissens- und Denktraditionen und war stets von Übersetzungsprozessen, Rezeption und produktiver Weiterentwicklung geprägt. Die heutige Beschäftigung mit ihr kann deshalb auch einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte des globalen Denkens jenseits vereinfachter Vorstellungen von Zentrum und Peripherie neu zu betrachten.
Den Abschluss des Forums bildete eine Sitzung mit Prof. Dr. Udo Steinbach, Islamwissenschaftler und Leiter des MENA Study Centre bei der Maecenata Stiftung. Damit endete die zweitägige Veranstaltung mit einer Perspektive, die die unterschiedlichen historischen, philosophischen und interkulturellen Fragen noch einmal zusammenführte.
Das Forum machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der arabisch-islamischen Philosophie heute weder eine rein historische Beschäftigung noch eine Suche nach einfachen Antworten aus der Vergangenheit sein kann. Ihre eigentliche Aktualität liegt vielmehr in ihrer Fähigkeit, Fragen neu zu öffnen: nach Vernunft und Offenbarung, Tradition und Erneuerung, individueller Verantwortung und politischer Ordnung, Eigenem und Anderem.
In diesem Sinne verstand Der Divan – Das Arabische Kulturhaus die Veranstaltung nicht lediglich als Konferenz über Philosophiegeschichte, sondern als Raum für eine gegenwärtige Auseinandersetzung mit einem lebendigen intellektuellen Erbe. In Kooperation mit der Universität Kuwait brachte das Forum Wissenschaftler aus unterschiedlichen akademischen und kulturellen Kontexten zusammen und schuf damit einen Ort, an dem die arabisch-islamische Philosophie nicht nur erinnert, sondern befragt, kritisch gelesen und in Beziehung zu den Fragen der Gegenwart gesetzt wurde.
Gerade darin lag die nachhaltige Bedeutung des Forums: Vergangenheit wurde nicht als abgeschlossene Geschichte behandelt, sondern als Gegenstand lebendiger Reflexion. Das philosophische Erbe erschien nicht als statischer Besitz, sondern als eine Aufgabe – eine Aufgabe, die darin besteht, es kritisch zu verstehen, seine historischen Grenzen anzuerkennen und zugleich zu prüfen, welche Fragen es der Gegenwart weiterhin stellt.
So wurde der Der Divan in Berlin für zwei Tage zu einem Ort, an dem philosophische Traditionen über Zeiten, Räume und kulturelle Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch gebracht wurden – und an dem sich einmal mehr zeigte, dass echter interkultureller Dialog nicht im Verzicht auf Unterschiede besteht, sondern in der Fähigkeit, aus ihnen gemeinsames Denken entstehen zu lassen.













































































