Anlässlich des 300. Geburtstags Immanuel Kants veranstaltete Der Divan – Das Arabische Kulturhaus in Berlin am 21. und 22. Juni 2024 ein wissenschaftliches Symposium unter dem Titel „Immanuel Kant und die aktuelle Relevanz seiner Philosophie für die arabische Welt“. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kants philosophisches Erbe heute neu gelesen werden kann und welche Bedeutung sein Denken für zentrale Fragen der arabischen und islamischen Gegenwart besitzt.
Kants Philosophie hat die Geschichte des modernen europäischen Denkens nachhaltig geprägt. Drei Jahrhunderte nach seiner Geburt stellte das Symposium jedoch nicht allein die historische Wirkung des Königsberger Philosophen in den Mittelpunkt. Vielmehr ging es um eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Denken aus unterschiedlichen philosophischen und kulturellen Perspektiven – und insbesondere um die Frage, welche seiner Begriffe und Argumente angesichts der politischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts weiterhin tragfähig sind.
Den Auftakt bildete am Abend des 21. Juni ein persönliches Abendessen im Der Divan, das dem Austausch und der Vernetzung der eingeladenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer diente. Das eigentliche öffentliche wissenschaftliche Programm folgte am 22. Juni.
Eröffnet wurde das Symposium von Prof. Dr. Dr. Otfried Höffe, einem international renommierten Kant-Forscher. In seiner Eröffnungsvorlesung „Immanuel Kant: Die Aktualität des Aufklärungsphilosophen und Weltbürgers“ richtete sich der Blick auf Kant als Denker der Aufklärung und des Weltbürgertums und damit auf einen zentralen Ausgangspunkt für die weiteren Diskussionen des Tages.
Die erste Paneldiskussion, die auf Deutsch stattfand, stand programmatisch unter dem Titel „Kant gegen Kant: Rassismus, Kolonialismus, Krieg“. Damit wurde eine der grundlegenden Spannungen innerhalb von Kants Denken zum Gegenstand: Auf der einen Seite stehen universale Ansprüche auf Recht, Freiheit und Weltbürgertum, auf der anderen Seite jene Aspekte seines Denkens, die im Zusammenhang mit Rassismus und kolonialen Ordnungsvorstellungen kritisch zu hinterfragen sind.
Prof. Dr. Peter Niesen von der Universität Hamburg widmete sich der Frage „Was bleibt vom Weltbürgerrecht? Kant, Rassismus und Anti-Kolonialismus“. Prof. Dr. Reza Mosayebi von der Ruhr-Universität Bochum untersuchte Kants Verhältnis zum biologischen Rassismus, während Ass. Prof. Dr. Ulrich Vogel von der Philipps-Universität Marburg Kants Überlegungen zu Geschichte, Krieg und Frieden in den Mittelpunkt stellte.
Die zweite Paneldiskussion wechselte ins Arabische und widmete sich Religion, Pädagogik und Kosmopolitismus. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt von der kritischen Rekonstruktion problematischer Aspekte des kantischen Denkens auf die Frage nach seiner möglichen Bedeutung für gegenwärtige arabische Debatten.
Prof. Dr. Zouaoui Beghoura von der Kuwait Universität sprach über den Status der kantischen Pädagogik und ihre Rolle im zeitgenössischen arabischen Denken. Ass. Prof. Dr. Rachid Boutayeb vom Doha Institute for Graduate Studies untersuchte die Grundlagen und die aktuelle Relevanz von Kants kosmopolitischer Erziehung. Prof. Dr. Ali Abbood Al-Mohamedaoi von der Universität Bagdad stellte schließlich die Frage nach dem idealen Vertrag als Grundlage für einen realistischen Frieden und nach Kants politischer Aktualität in der arabischen Welt.
Gerade in dieser Verbindung deutsch- und arabischsprachiger Perspektiven lag eine besondere Qualität des Symposiums: Kants Philosophie wurde nicht ausschließlich aus der Perspektive ihrer europäischen Wirkungsgeschichte betrachtet, sondern als Gegenstand eines transkulturellen Gesprächs. Fragen nach Universalismus, Weltbürgertum, Erziehung, Frieden und politischer Ordnung wurden mit der Gegenwart der arabischen Welt in Beziehung gesetzt.
Den Abschluss des wissenschaftlichen Programms bildete die Vorlesung von Prof. Dr. Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums, unter dem prägnanten Titel „War Kant eurozentrisch?“. Die abschließende Fragestellung führte damit noch einmal zum grundlegenden Spannungsverhältnis des Symposiums zurück: Wie lässt sich der universale Anspruch der Aufklärung mit den historischen und philosophischen Grenzen ihres eigenen Horizonts zusammendenken?
Das Symposium machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Kant heute weder in einer bloßen Würdigung seines philosophischen Erbes noch in einer einfachen Verwerfung einzelner Positionen aufgehen kann. Seine Begriffe von Recht, Freiheit, Frieden, Weltbürgertum und Erziehung eröffnen weiterhin wichtige Denkräume; zugleich verlangen seine problematischen Aussagen zu Rasse, Kultur und Geschichte nach einer kritischen historischen Einordnung. Gerade diese Spannung machte Kant zum Ausgangspunkt eines Dialogs, der über die Grenzen der europäischen Philosophiegeschichte hinausweist.
Mit dem Symposium setzte Der Divan – Das Arabische Kulturhaus einen Akzent für einen offenen wissenschaftlichen Austausch zwischen deutschen und arabischen intellektuellen Traditionen. Der Ort wurde dabei nicht lediglich zum Veranstaltungsraum, sondern zu einem Forum, in dem unterschiedliche philosophische Perspektiven miteinander ins Gespräch gebracht werden konnten.
Die Auseinandersetzung mit Kant erwies sich damit zugleich als eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen unserer Gegenwart: Was bedeutet Universalismus in einer pluralen Welt? Wie lassen sich Freiheit und Gleichheit denken, ohne historische Erfahrungen von Ausgrenzung und Herrschaft auszublenden? Und wie kann philosophisches Denken dazu beitragen, unterschiedliche intellektuelle Traditionen miteinander ins Gespräch zu bringen?
In diesem Sinne stand das Kant-Symposium exemplarisch für einen zentralen Anspruch von Der Divan – Das Arabische Kulturhaus: einen Raum zu schaffen, in dem Wissen, Kultur und unterschiedliche Perspektiven nicht nebeneinanderstehen, sondern in einen ernsthaften und produktiven Dialog treten.





































































