Am Mittwoch, den 18. März 2026 fand im Divan – Das Arabische Kulturhaus die öffentliche Abschlusslesung des mehrwöchigen Schreibworkshops unter der Leitung der Literaturwissenschaftlerin Dr. Johanne Mohs statt. In den Wochen zuvor hatten sich die Teilnehmenden im Rahmen von vier Workshopterminen intensiv mit den literarischen Spielregeln der französischen Autorengruppe Oulipo (Kurzform für Ouvroir de littérature potentielle, deutsch: „Werkstatt für potenzielle Literatur“) beschäftigt und eigene Texte entwickelt.
Ausgangspunkt der gemeinsamen Arbeit waren die sogenannten contraintes – bewusst gesetzte Schreibregeln, die als kreative Einschränkungen neue literarische Möglichkeiten eröffnen. Inspiriert von diesen experimentellen Verfahren sowie von Erzählstrukturen aus Tausendundeine Nacht entstanden im Verlauf des Workshops vielfältige Geschichten, die Sprache auf spielerische Weise ausloteten und klassische Erzählmuster neu interpretierten.
Wie unterschiedlich diese Impulse umgesetzt wurden, zeigte sich eindrucksvoll in der Abschlusslesung. In einem Text von Albert Gold, „Gisela“, wird ein scheinbar gewöhnlicher Sonntagmorgen durch das Auftauchen zweier Polizeibeamter abrupt unterbrochen und in eine kurze, pointierte Erzählung über Irritation und Wiedererkennung überführt. Auch rückwärts oder nach dem ABC erzählt macht es Spaß dieser Geschichte zu folgen. In seinem Text „Was ich noch erzählen wollte“ griff er die zufällige Begegnung einer Frau mit ihrem Ex-Freund auf und verdichtete sie zu einer emotional aufgeladenen Alltagsszene, in der Erinnerung, Wut und Verletzung zusammenfallen.
Auch Ingo Behne näherte sich einer anderen Ausgangssituation auf ganz unterschiedliche Weise. In „Claudia und Peter – einsilbig“ wird die Begegnung an der Ampel radikal sprachlich reduziert und ausschließlich in einsilbigen Wörtern erzählt, wodurch eine knappe, fast abgehackte Dramaturgie entsteht. Andere Texte von ihm zeigen noch deutlicher das spielerische Arbeiten mit Oulipo-Verfahren: Der „Claudia und Peter ABC-Text“ ordnet die gleiche Erzählung alphabetisch, während in weiteren Varianten einzelne Sätze umgestellt, gekürzt oder formal verändert werden und so immer neue Bedeutungen erzeugen.
Daneben wurde auch die erzählerische Offenheit von Tausendundeine Nacht produktiv aufgegriffen. In Ingo Behnes Alternativende von einer Erzählung aus 1001 Nacht entfaltet sich aus einem dramatischen Ausgangsmoment eine phantastische Geschichte von Verwandlung, Schuld und Erlösung, die deutlich mit den Motiven und dem Fortspinn-Prinzip orientalischer Rahmenerzählungen spielt. Einen ganz anderen Ton schlägt sein Text „Was ich noch erzählen wollte“ an: Hier entwickelt sich aus einer scheinbar beiläufigen Gesprächssituation beim Essen nach und nach eine Beobachtungsgeschichte über Nachbarschaft, Trennung und eine zufällige Wiederbegegnung.
Die Abschlusslesung bot den Teilnehmenden die Gelegenheit, ihre Texte erstmals vor Publikum zu präsentieren. Der Abend entwickelte sich zu einer abwechslungsreichen und lebendigen Lesung, in der humorvolle, poetische und überraschende Beiträge aufeinander folgten. Die Vielfalt der entstandenen Texte zeigte eindrucksvoll, wie produktiv das Arbeiten mit literarischen Regeln sein kann und wie unterschiedlich Schreibende diese Impulse kreativ umsetzen.
Das Publikum begleitete die Lesungen mit großer Aufmerksamkeit und viel Applaus. Die Veranstaltung machte deutlich, wie ein gemeinsamer Schreibprozess über mehrere Wochen hinweg nicht nur individuelle Texte hervorbringt, sondern auch einen offenen Raum für Austausch und literarische Entdeckungen schafft.
Wir danken allen Teilnehmenden für ihre Neugier, Kreativität und die inspirierende Atmosphäre während der Workshopreihe und der Abschlusslesung. Der Abend hat einmal mehr gezeigt, wie lebendig literarisches Experimentieren sein kann und wie viel Freude es macht, gemeinsam neue Wege des Erzählens zu entdecken.











































































